History matters

Nein, Herr Posener…

… wer Achille Mbembe kritisieren will, muss ihn korrekt und vollständig zitieren. Das tun Sie nicht.

Um Ihren Vorwurf, Mbembe sei ein Holocaust-Relativierer zu untermauern, schrieben Sie: „Für Mbembe sind ‚das Apartheidsystem in Südafrika und die Vernichtung der Juden in Europa‘ (immerhin gibt er zu, dass der Holocaust stattgefunden hat) ‚zwei emblematische Manifestationen der Fantasie der Ausgrenzung‘. Was an sich schon in seiner Verkennung der besonderen Rolle des Antisemitismus im Christentum, Islam und der Moderne eine Verniedlichung des Judenmords darstellt.“
Tatsächlich lautet das Zitat in der deutschen Ausgabe: „Das Apartheidregime in Südafrika und – in einer ganz anderen Größenordnung und in einem ganz anderen Kontext – die Vernichtung der europäischen Juden sind zwei emblematische Manifestationen dieses Trennungswahns.“ (Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, Berlin 2017, S. 89)
Sie legen mit Ihrer Auslassung eine Gleichsetzung nahe, wo Mbembe ausdrücklich differenziert hat. Das ist kein korrekter Umgang mit Zitaten, wie René Aguigah zu Recht kritisch angemerkt hat. Auch sollte man seine Leserinnen und Leser ernst nehmen und nicht bevormunden, sondern ihnen durch vollständiges Zitieren ein eigenes Urteil erlauben.

Nun schreiben Sie, dass Sie die Parenthese ausgelassen hätten, weil sie sie für „salvatorisches Blabla“ gehalten hätten, jetzt aber merkten, dass sie „das Wesen der Mbembe’schen Geschichtsfälschung“ enthalte. Die Formulierung „in einer ganz anderen Größenordnung“ sei grundfalsch, da der Holocaust „nicht ein viel größere Form der Apartheid“ sei, sondern es sich „um ein nicht quantitativ, sondern qualitativ anderen Vorgang“ handele.
Ich sehe schon in der deutschen Übersetzung keine rein quantitative Aussage, aber das französische Original, das Sie, wie Sie ausdrücklich schreiben, zugrunde gelegt haben, ist unmissverständlich: „Le système de l’apartheid en Afrique du Sud et, sur le mode paroxystique et dans un contexte distinct, la destruction des juifs d’Europe constituèrent deux manifestations emblématiques de ce fantasme de séperation.“ Mbembe verwendet einen Begriff aus der Medizin („paroxystique“), der den kritischen Höhepunkt einer Krankheit, die maximale Intensität der Symptome markiert – ein klar qualitativer Begriff. (Dank an Joseph Croitoru)

Nein, Herr Posener, so überzeugen Sie mich nicht! Es braucht schon Sorgfalt und Genauigkeit in dieser Debatte. Mbembes Satz stellt weder eine „Verniedlichung des Judenmords“ noch eine „Geschichtsfälschung“ dar. Wir waren in unserer Diskussion am vergangenen Freitag schon weiter.

 

21. Juni: Eine Ergänzung

Alan Posener hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Achille Mbembe den Begriff „paroxystique“ in seinem Text noch ein weiteres Mal verwendet, nämlich um die Situation in Palästina gegenüber dem Apartheidregime in Südafrika zu charakterisieren. Im französischen Original heisst es: „L’enchevetrement des différents segment raciaux étant devenu la règle, la dialectique de la proximité, de la distance et du controle ne pouvait jamais atteindre les seuils paroxystiques observés dans le cas de la Palestine.“ (deutsche Ausgabe: „Da die wechselseitige Verflechtung der verschiedenen Rassesegmente die Regel geworden war, konnte die Dialektik der Nähe, Distanz und Kontrolle niemals die in Palästina zu beobachtenden kritischen Schwellen erreichen.“ Politik der Feindschaft, S. 86)

In der Tat – da gebe ich Alan Posener recht – verwischt Mbembe mit seiner Wortwahl Unterschiede, die mit differierenden Begriffen deutlicher zu trennen wären. Dass er damit, wie Posener meint, „den Holocaust verniedlicht“, verfehlt den Punkt, denn es geht Mbembe in seinem Buch um die Analyse von Gewalt, nicht um deren Minimierung.
Mbembes Sicht auf Israel teile ich nicht. Aber selbst wenn wir seine radikale Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ablehnen, sollten wir in der Lage sein, zuzuhören, über Argumente aus dem globalen Süden nachzudenken, und sie nicht selbstgewiss abwehren und ausgrenzen. Der Blick auf die Welt und die geschichtlichen Erfahrungen sind in Johannesburg, Mumbai oder Jakarta andere als in Berlin, London oder Tel Aviv.

Der amerikanische Holocaust-Historiker Michael Rothberg hat vor einem kompetitiven Erinnern gewarnt, bei dem sich kollektive Erinnerungen gegenseitig aus dem öffentlichen Raum verdrängen. Stattdessen schlägt er das Modell multidirektionalen Erinnerns vor, in dem sich Erinnerungskulturen dialogisch, durch Anleihen, Aneignungen, Gegenüberstellungen anderer Geschichten und anderer Erinnerungstraditionen entwickeln. Dazu sollten wir beitragen.

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