History matters

Inge Marßolek

Foto: Andrea Genest
Foto: Andrea Genest

Am 16. April wäre Inge Marßolek, eine wunderbare Freundin und kluge Historikerin, 70 Jahre geworden:

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (John Green), heißt es in der Todesanzeige für Inge. Nur wenige Wochen dauerte es von der Krebsdiagnose bis zu ihrem Tod am 12. August 2016. Auf dem Herausgeber_innen-Treffen von WerkstattGeschichte am 28. Mai in Berlin hat sie noch engagiert mitdiskutiert und den Vorsitz des Vereins für kritische Geschichtsschreibung an Eckart Schörle übergeben. Mit Inge verlieren wir eine kluge, erfahrene, offene und herzliche Kollegin, Historikerin, Freundin, die WerkstattGeschichte mitgegründet und die Zeitschrift mitgeprägt hat.

Studiert hat sie Geschichte und Romanistik in Bochum und West-Berlin, wie es damals hieß, und war politisch aktiv bei den Trotzkisten. „Wir haben immer auf die Fresse gekriegt, aber wir hatten die bessere Analyse“, war auch später ihr Kommentar zu dieser Zeit. Nein, eine typische „68erin“ war sie keineswegs, weil viel zu unabhängig und kritisch, auch selbstkritisch. Bei ihr gab es keinen Glorienschein für die „68er“; doch sich politisch einzumischen, blieb für sie selbstverständlich. Geschichte verstand sie stets als öffentliche Wissenschaft für die und in der Gesellschaft.

Vielleicht war es daher erst einmal folgerichtig, dass sie nach dem Studium und Promotion bei Reinhard Rürup an der TU Berlin mit einer Studie zur Arbeiterbewegung 1945-1948 Lehrerin wurde und bis 1984 als Studienrätin tätig war. Aber die Lust an der Forschung hat sie nicht aufgegeben; daher arbeitete sie parallel als Wissenschaftlerin an dem vom Land Bremen und der VW-Stiftung geförderten Forschungsprojekt „Widerstand und Verfolgung in Bremen“. Der Band „Bremen im Dritten Reich. Anpassung – Widerstand – Verfolgung“, den sie 1986 zusammen mit René Ott herausgegeben hat, nahm viele Anstöße der Alltagsgeschichte auf, die zu dieser Zeit heftig diskutiert wurde, und ist bis heute für alle unverzichtbar, die sich mit Bremen im Nationalsozialismus beschäftigen.

Zunächst war sie für drei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Senator für Bildung, Wissenschaft und Kunst, dann bis 1995 stellvertretende Leiterin der Forschungs- und Bildungsstätte zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Lande Bremen, habilitierte sich 1994 an der Universität Hannover und war anschließend Geschäftsführerin des Instituts für Regional- und Sozialgeschichte an der Universität Bremen. Von 2000 an war sie Professorin am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Bremen. Dass sie in diesen Jahren zwei Kinder bekam, sich von ihrem Mann trennte, ein eigenes unabhängiges Leben aufbaute und dennoch Familie und Beruf miteinander zu verbinden suchte – all das zeigt eine starke, selbstbewusste Frau, die auch kämpfen, mitunter einstecken musste, manchmal kantig war, sogar schroff, und zugleich von einer Zartheit und Zugewandtheit war, die mich wie viele andere sehr berührt hat. Und wer erlebt hat, wie mitreißend sie lachte, weiß, wie sehr sie Menschen mochte.

Als Wissenschaftlerin habe ich sie ungemein neugierig und aufgeschlossen erlebt. Es machte einfach großen Spaß, mit ihr über neue historiographische Ansätze zu diskutieren, weil sie an Ideen und Innovation interessiert war. Schaut man auf ihre Publikationsliste, so stechen die Vielfalt der Themen und die Lust an Neuem hervor. Ihre Studien zur Geschichte des 1. Mai standen bereits unter kulturgeschichtlichen Fragestellungen; mit ihrem Buch über Helene Schwärzel, der Frau, die 1944 Goerdeler an die Gestapo verriet, gab sie anregende Anstöße für die historische Untersuchung von Denunziation; schließlich beantragte sie zusammen mit Adelheid von Saldern ein großes mediengeschichtliches Forschungsprojekt zum Radio im Nationalsozialismus, aus dem zwei wichtige Sammelbände und beachtliche Dissertationen hervorgingen. Inge selbst schrieb dazu mehrere Aufsätze, aus denen ich viel gelernt habe. Und so konnte es nicht überraschen, dass sie jüngst noch spannende Beiträge zur Sound History und zur Debatte um die NS-Volksgemeinschaft publizierte.

Zugleich beteiligte sie sich aktiv an der Arbeit an Erinnerungsorten, gehörte etlichen Beiräten an, darunter der Fachkommission der Stiftung Niedersächsischer Gedenkstätten, die sie als Vorsitzende leitete. Dass es heute einen „Denkort Bunker Valentin“ bei Bremen gibt, ist ganz entscheidend auf Inges Engagement zurückzuführen. Sie war es, die früh diesen monströsen Bau an der Weser, den zehntausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge unter schwersten Bedingungen errichten mussten, weil das NS-Regime in der letzten Kriegsphase die Produktion von U-Booten forcieren wollte, wieder ins öffentliche Bewusstsein holte und sich erfolgreich dafür einsetzte, ihn in einen Gedenkort zu verwandeln.

Und nicht zuletzt: Inge war eine hinreißende Hochschullehrerin und Betreuerin von Doktorand_innen. „Du hast uns unterstützt, gefordert, verteidigt, vertraut, bekocht, besucht, kritisiert, angespornt, überredet, begleitet, getröstet, getriezt, gekannt, zum Lachen gebracht, promoviert, auf den Weg gebracht….“ haben die ehemaligen und gegenwärtigen Doktorandinnen und Doktoranden in ihrer Traueranzeige formuliert. Ja, Inge verlangte viel, aber sie gab auch viel. Bei ihr gab es keine maternalistischen Verhältnisse; vielmehr nahm sie junge Wissenschaftler_innen ernst, hörte zu und dachte über Argumente nach. Kritik diente dazu, die jeweilige Arbeit zu verbessern. Wie wichtig diese Kontakte ihr persönlich waren, dieses Netzwerk aus Freund_innen, Kolleg_innen, Doktorand_innen, ließ sich manchmal erahnen. Dich zu kennen, Inge, war bereichernd; umso mehr vermissen wir Dich jetzt.

(veröffentlicht in: WerkstattGeschichte 72, 2016)

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